Über michWie die süße Sünde in meine Welt kam

Glück

Mein Vater: Er ist schick, toll eigentlich unglaublich süß. Nicht besonders groß, aber gut aussehend, gekleidet immer wie in den 50igern. Ich war gerade 4 Jahre alt, als ich anfing ihn zu bewundern. Jeder der mich als Kind sah, sah zuerst meine unglaublich viele dicke Haare, tief schwarz, wunderschön, sie wirkten wie eine Umrahmung, fast wie ein Turban. Diese mussten weg, als Vorbereitung für eine Augenoperation. Kein leichter Gang. Vor dem Weg zu dem Frisör, zeigte mein Vater mir erstmalig eine dünne rechteckige Tafel, die golden, glänzend mit undurchsichtige Folie umhüllt war. Er sagte, komm setze dich mal zu mir. Ganz langsam öffnete er die goldene Folie. Was darunter zum Vorschein kam, war eine Schokolade. Er brach diese in kleine Stücke. „Mach die Augen zu und den Mund auf“, sagte er. Ich folgte. Er schob etwas in meinen Mund. „Nicht die Augen öffnen, ganz langsam zergehen lassen“. Ich ließ zergehen und als 4 jährige genoss ich die erste Schokolade meines Lebens. Ich strahlte, ja ich war glücklich. Er versprach mir, dass wir jetzt zum Frisör gehen und danach, genießen wir ein ganze Tafel Schokolade.

So kam das Glück für mich in die Welt, Schokolade.

 

Schönheit

Aufgewachsen bin ich mit 5 Geschwistern in einer Berliner Altbauwohnung. Ich liebte schöne Dinge. Menschen, die anders sind als ich, begeistern mich damals wie heute. Einen eigenen Laden aufzumachen, in dem mir niemand reinredet, der all das beinhaltet was ich schön finde, war mein Traum. Ein Laden in dem sich die Menschen und Nachbarn wohlfühlen, die anders sind. 1993 war es soweit. Das Dejavu, ein kleiner Bekleidungssalon, mit ausgefallener Alltags-und Abendbekleidung. Die Grenzen zwischen den Geschlechtern mit Bekleidung hervorzuheben, aufzuheben oder zu verschleiern wurde zu einem Qualitätsmerkmal für meinen kleinen Laden. Das Besondere einer Frau, mit einem Kleidungsstück hervorzubringen ist mehr als nur schick. Einen freien Mann empor zu heben aus der Masse, ist mit Abendkleidern einzigartig und wunderschön. Frei zu leben und zu lieben, sich zu kleiden, fremde Grenzen vorbei ziehen lassen, backen, kochen und Spass zu haben: alles das, als einen Schöpfungsakt zu akzeptieren:

Ja, das war das DeJaVu.

 

Wildfremd

Allein mit meinem kleinen Jungen und der Babysitterin in der WG. Alle Mitbewohner ausgeflogen, tieger ich durch die Wohnung voller Unruhe. Gerade hatte ich einen neuen Laden kurz vor der Eröffnung, der noch keinen Namen hat. Es ist Dezember 2006. Auf meinem Tisch liegt eine Einladung zu einer Eröffnung eines Goldschmiedeladens von Ole Bergmann. Ich werde dort fremd sein. Verliere mich in dem Gefühl von Fremdsein, starre auf die Einladung. Ein Geräusch von gerupfter Aluminiumfolie bringt mich in die Wirklichkeit. Ich schaue unter meinen Schreibtisch. Dort sitzt mein kleiner Junge und isst Schokolade. Ich schiebe den Stuhl auf dem ich sitze zurück und setze mich zu ihm. Wir redeten nicht. Wir essen Schokolade. Wir beide glücklich. Ich werde mich fein machen, für die Eröffnung. Im Badezimmer stehe ich vor dem Spiegel. In der Hand ein Lippenstift. Langsam setze ich den Lippenstift auf den Spiegel und schreibe WILDFREMD und ein Gefühl von Zuhause sein ist bei mir.

 

Wie die süße Sünde in meine Welt kam

Ich wusste gar nicht nichts von Krankheiten, warum auch. Ich beobachtete wie mein Vater vor der Abendmahlzeit mit einer kleinen grauen Plastikkiste, die in einer Hand Platz hatte ins Badezimmer ging und mit dieser kleinen Kiste auch wieder heraus kam. Er brachte die kleine graue Plastikkiste ins Elternschlafzimmer. Erst dann wurde gegessen. Es war die Regelmäßigkeit der Handlung, die mich neugierig machte. Nach dem Essen ging mein Vater aus dem Haus, „Spazieren“. Mein Vater ging öfters spazieren. Am Wochenende nach dem Mittagessen und nach dem Abendessen. Die kleine graue Plastikkiste und „Spazieren“ gehörten zu einem geschlossenen untrennbaren Ritualen meines Vaters.

„Ich will auch spazieren“, schon früh in meinen jungen Jahren, bettelte ich darum. Es gab immer einen Grund, warum das gerade nicht passt. Es wuchs zu einem Geheimnis. Meine Mutter hatte mir erklärt, das mein Vater auf sich aufpassen muss. Er ist krank, er hat Diabetes. Er darf nicht alles Essen. Süßes ist für ihn Sünde, absolut kein Zucker und viel Bewegung. Jeden Tag.

Eines Samstags, mit einem Einkaufszettel versehen, ging ich nach dem Mittagessen unauffällig hinter ihm her. Den Plusmarkt gab es noch am Oranienplatz. Das er dort reinging, merkwürdig. Vor dem Regal mit den vielen Schokoladensorten blieb er stehen. Zwei Tafeln nahm er aus dem Regal, ging zur Kasse. Er zahlte, ging über die Straße auf den Oranienplatz, setzte sich auf die Bank, ich sah seinen Rücken. Ich ging mit klopfenden Herzen auf ihn zu. Hallo Papa. Er schaute mich an, auf seinen Knien eine geöffnete Schokolade, der zwei Stückchen fehlten. Papa, Schokolade ist süß mit viel Zucker, Mama sagt, das ist Sünde für dich und wirst davon sterben.

Kannst Du ein Geheimnis für Dich behalten, Mama soll sich keine Sorgen machen“. Natürlich kann ich das. „Lieber mit einem Stück Schokolade im Mund sterben als unglücklich ohne Schokolade.". Nachdem wir eine Tafel mit langsamen Genuss verspeist hatten, gingen wir nach Hause. Glücklich. Er hackte sich bei mir ein. Verbündete. Bis heute.

 

Die Große Liebe meines Lebens

Ich trug ein 50er Jahre Rockabilly Kleid, schwarz-weiß gepunktet. Dazu eine rosa Hüftschürze mit bunten bestickten Blumen. Campari-Roter Lippenstift und farbgleiche halbhohe Lackschuhe an einem Samstag im August als die Person meinen Laden betrat. Das erste, was ich anbot war ein Eiskaffee mit Sahne.

Ich war völlig aufgeregt, die Pralinen, die ich der Person über den Tresen reichen wollte, kugelten aus meiner Hand auf den Boden. Der ganze Laden erschien mir wie in einem warmen hellen Licht. Was für ein Gefühl. Intensiv, stark, aufregend und leidenschaftlich schaute ich die Person an. Wie setzte ich dieses Gefühl in Schokolade um und wie lebe ich dieses Gefühl. Eine zielstrebige fast schon ekstatische Zeit begann mit uns zwei und mit weißen Pralinen mit Kirschlikör. Spanische Schokolade schön heiß, mit frischen Erdbeeren. Weiße Schokolade mit Nugatcreme. Flüssige Schokolade in Crash Eis. Warme Schokolade mit frischer sehr fein geriebener Orangenschale. Leidenschaft mit und durch Schokolade.

Jetzt ein Jahr später, wenn ich die Person sehe oder auch an sie denke, kommt mir Leidenschaft und Drama in den Sinn. Dankbar bin ich für die Leidenschaft, die notwendig war um all das kreative aus der Schokolade rauszuholen was in ihr steckt. Dankbar auch für das Drama, welches als DramaTüte verpackt, verkauft wird und damit den Kunden von der Chocolateria „Sünde“ ein Lachen ins Gesicht verpasst.

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Kontaktform

Information

Komm einfach vorbei, wir haben Montag bis Freitag 9-19 Uhr, Samstags 10-19 Uhr und Sonntags 12-18 Uhr auf.

Unsere Adresse

Chocolateria Sünde
Oranienstraße 194, 10999 Berlin-Kreuzberg
Fon: (030) 63 96 15 20

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